Projekt Eismauer

Vor dem Brandenburger Tor sollte 1999 als symbolisches Zeichen für mehr gegenseitiges Verständnis und Toleranz eine Mauer aus Eis werben, die dem originalem Erscheinungsbild der Berliner Mauer nachempfunden war.

Das Projekt wurde wegen „Aufzehrung des Motives des Brandenburger Tores“ vom zuständigen Bezirksamt abgelehnt.

 

Eine Mauer aus Eis am Brandenburger Tor

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer: Noch immer Kalter Krieg in den Köpfen von Ost und West? Noch immer keine gleichen Lebensverhältnisse und blühende Landschaften in den neuen Bundesländern? Bleibt die soziale Gerechtigkeit in der Leistungsgesellschaft auf der Strecke? Kühltruhe statt Wärmespender?

Kritische Fragen nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft soll eine Mauer aus Eis am Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. zum 10. November 1999 herausfordern, zu Bilanz und Vision auffordern. Was war, was ist, was möglich wäre.

Was war: am Anfang die Euphorie, als die Mauer fiel, Symbol für die Spaltung der Welt in zwei feindliche Blöcke, Symbol für die Teilung des deutschen Volkes, Symbol für Unfreiheit und daraus resultierender Unzufriedenheit der Betroffenen. Weil Bürger der DDR ihre Angst vor den Sanktionen des Staatsapparates überwanden, gelang ihnen eine friedliche Revolution, ein einzigartiges Geschenk an die gesamte deutsche Nation. Von dieser Vorstellung ging die Bundesrepublik Deutschland aus und erlebte das Glück der Erfüllung.

Was ist vergessen die vereinte anfängliche Euphorie, auf beiden Seiten Jammern und Klagen, wer zahlt oder bezahlen muss – immer eine Frage des eigenen Interesses, Frage von Parteilichkeit und Perspektive, von Selbstbehauptung und Selbstverständnis. Solche Auseinandersetzungen scheinen normal. Die deutsche Wiedervereinigung wird so zum Normalfall abgewertet, nicht mehr als einzigartiger Glücksfall begriffen, als Werk mutiger Menschen, nach dem Motto: Was schert mich mein Geschwätz von gestern?!

Was tun? Eine Mauer aus Eis in der Nacht vom 9. November zum 10. November 1999 am Brandenburger Tor zu bauen, Einzigartigkeit und Ungeheuerlichkeit dieses Montrums Mauer vor Augen zu führen, das Bewußtsein für Rückblick und Bilanz zu schärfen.

Was wäre möglich? Menschliches Miteinander möge die Eismauer zum Schmelzen bringen, gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Biographien, Einstellungen und Verhaltensweisen, weil wesentlich vom Gang der deutschen Geschichte bestimmt.

Verantwortlich dafür sind nur noch wenige Lebende, Verantwortung für die Vergangenheit tragen wir aber alle gemeinsam in Gegenwart und Zukunft. Gemeinsamkeit im Innern ist dazu notwendige Voraussetzung, das Finden einer gemeinsamen Identität, die unterschiedliche Bedingungen nicht unter den Tisch wischt.

Sicher ein Generationsproblem: Aber wann anfangen, wenn nicht jetzt? Taut das Eis auf, Vorurteile und Frust in Seele und Bewusstsein, lasst menschliche Wärme ein gemeinsames Miteinander möglich machen! Lasst die Eismauer dahinschmelzen!

Kumulus e.V. – August 1999